Mit der Bestie auf DU
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Frische Martinsgänse sind dieses Jahr schwer zu bekommen

Keine Frage, es gibt sie: Antipathien. Keine Ahnung, woher sie kommen. Sie sind einfach da. Während eines Kampfes zwischen Batman und Joker setzt der verlierende Joker plötzlich eine herbeigezogene Brille auf, sagt, „Brillenträger schlägt man nicht“ und nutzt die Gunst des verwirrten Batmans zu einem Gegenschlag. Die ganze Sympathie liegt bei dem Helden, der durch diese hinterfotzige Ablenkung, fast eine Niederlage hinnehmen muss.

Der Held gewinnt, der niederträchtige Verlierer rächt sich abscheulich. Mark Twain hat diese (Selbst)Erfahrung pointiert dargestellt. Nicht der Gute und der Böse, nein, einfach ein guter einfacher Lausbub, der auf einen eleganten und wahrscheinlich eingebildeten Schnösel aus der Stadt trifft, sind die Akteure in diesem Showdown.

Die Sympathien sind eindeutig vergeben. Bevor es los geht: Bei Frauen gibt es auch diese natürliche Antipathie, die im harmlosen Fall Zickenkrieg genannt wird.

Die Sommerabende waren lang. Noch war’s nicht dunkel geworden. Toms Pfeifen verstummte plötzlich. Ein Fremder stand vor ihm, ein Junge, nur vielleicht einen Zoll größer als er selbst. Die Erscheinung eines Fremden irgendwelchen Alters oder Geschlechtes war ein Ereignis in dem armen, kleinen Städtchen St. Petersburg. Und dieser Junge war noch dazu sauber gekleidet, – sauber gekleidet an einem Wochentage! Das war einfach geradezu unfaßlich, überwältigend! Seine Mütze war ein niedliches, zierliches Ding, seine dunkelblaue, dicht zugeknöpfte Tuchjacke nett und tadellos: auch die Hosen waren ohne Flecken. Schuhe hatte er an, Schuhe, und es war doch heute erst Freitag, noch zwei ganze Tage bis zum Sonntag! Um den Hals trug er ein seidenes Tuch geschlungen. Er hatte so etwas Zivilisiertes, so etwas Städtisches an sich, das Tom in die innerste Seele schnitt. Je mehr er dieses Wunder von Eleganz anstarrte, je mehr er die Nase rümpfte über den „erbärmlichen Schwindel“, wie er sich innerlich ausdrückte, desto schäbiger und ruppiger dünkte ihn seine eigene Ausstattung. Keiner der Jungen sprach. Wenn der eine sich bewegte, bewegte sich auch der andere, aber immer nur seitwärts im Kreise herum. So standen sie einander gegenüber, Angesicht zu Angesicht, Auge in Auge. Schließlich sagt Tom:

„Ich kann dich unterkriegen!“

„Probier’s einmal!“

„N – ja, ich kann.“

„Nein, du kannst nicht.“

„Und doch!“

„Und doch nicht!“

„Ich kann’s.“

„Du kannst’s nicht.“

„Kann’s.“

„Kannst’s nicht.“

Ungemütliche Pause. Dann fängt Tom wieder an:

„Wie heißt du?“

„Geht dich nichts an.“

„Will dir schon zeigen, daß mich’s angeht.“

„Nun, so zeig’s doch.“

„Wenn du noch viel sagst, tu‘ ich’s.“

„Viel – viel – viel! Da! Nun komm ‚ran!“

„Ach, du hältst dich wohl für furchtbar gescheit, gelt du? Du Putzaff‘! Ich könnt‘ dich ja unterkriegen mit einer Hand, auf den Rücken gebunden, – wenn ich nur wollt‘!“

„Na, warum tust du’s denn nicht? Du sagst’s doch immer nur!“ „Wart, ich tu’s, wenn du dich mausig machst!“

„Ja, ja, sagen kann das jeder, aber tun – tun ist was andres.“

„Aff‘ du! Gelt du meinst, du seist was Rechtes? – Puh, was für ein Hut!“

„Guck‘ wo anders hin, wenn er dir nicht gefällt. Schlag‘ ihn doch runter! Der aber, der ’s tut, wird den Himmel für ’ne Bassgeige‘ ansehen!“

„Lügner, Prahlhans!“

„Selber!“

„Maulheld! Gelt, du willst dir die Hände schonen?“

„Oh – geh heim!“

„Wart, wenn du noch mehr von deinem Blödsinn verzapfst, so nehm‘ ich einen Stein und schmeiß ihn dir an deinem Kopf entzwei.“

„Ei, natürlich, – schmeiß nur!“

„Ja, ich tu’s!“

„Na, warum denn nicht gleich? Warum wartst du denn noch? Warum tust du ’s nicht? Ätsch, du hast Angst!“

„Ich Hab‘ keine Angst.“

„Doch, doch!“

„Nein, ich hab‘ keine.“

„Du hast welche!“

Erneute Pause, verstärktes Anstarren und langsames Umkreisen. Plötzlich stehen sie Schulter an Schulter. Tom sagt:

„Mach‘ dich weg von hier!“

„Mach‘ dich selber weg!“

„Ich nicht!“

„Ich gewiß nicht!“

So stehen sie nun fest gegeneinander gepreßt, jeder als Stütze ein Bein im Winkel vor sich gegen den Boden stemmend, und schieben, stoßen und drängen sich gegenseitig mit aller Gewalt, einander mit wutschnaubenden, haßerfüllten Augen anstarrend. Keiner aber vermag dem andern einen Vorteil abzugewinnen. Nachdem sie so schweigend gerungen, bis beide ganz heiß und glühendrot geworden, lassen sie wie auf Verabredung langsam und vorsichtig nach und Tom sagt:

„Du bist ein Feigling und ein Aff‘ dazu. Ich sag’s meinem großen Bruder, der haut dich mit seinem kleinen Finger krumm und lahm, wart nur!“

„Was liegt mir an deinem großen Bruder! Meiner ist noch viel größer, wenn der ihn nur anbläst, fliegt er über den Zaun, ohne daß er weiß wie!“ (Beide Brüder existierten nur in der Einbildung,)

„Das ist gelogen!“

„Was weißt denn du?“

Tom zieht nun mit seiner großen Zehe eine Linie in den Staub und sagt:

„Da spring‘ rüber und ich hau dich, daß du deinen Vater nicht von einem Kirchturm unterscheiden kannst!“

Der neue Junge springt sofort, ohne sich zu besinnen, hinüber und ruft:

„Jetzt komm endlich ‚ran und tu’s und hau‘, aber prahl‘ nicht länger!“

„Reiz‘ mich nicht, nimm dich in acht!“

„Na, nun mach aber, jetzt bin ich’s müde! Warum kommst du nicht!“

„Weiß Gott, jetzt tu‘ ich’s für zwei Pfennig!“

Flink zieht der fremde Junge zwei Pfennige aus der Tasche und hält sie Tom herausfordernd unter die Nase.

Tom schlägt sie zu Boden.

Im nächsten Moment wälzen sich die Jungen fest umschlungen im Staube, krallen einander wie Katzen, reißen und zerren sich an den Haaren und Kleidern, bläuen und zerkratzen sich die Gesichter und Nasen und bedecken sich mit Schmutz und Ruhm. Nach ein paar Minuten etwa nimmt der sich wälzende Klumpen Gestalt an und in dem Staub des Kampfes wird Tom sichtbar, der rittlings auf dem neuen Jungen sitzt und denselben mit den Fäusten bearbeitet.

„Schrei ‘genug’“, mahnte er.

Der Junge ringt nur stumm, sich zu befreien, er weint vor Zorn und Wut.

„Schrei ‘genug’“, mahnt Tom noch einmal und drischt lustig weiter.

Endlich stößt der Fremde ein halb ersticktes „genug“ hervor, Tom läßt ihn alsbald los und sagt: „Jetzt hast du’s, das nächstemal paß auf, mit wem du anbindst!“

Der fremde Junge rannte heulend davon, sich den Staub von den Kleidern klopfend. Gelegentlich sah er sich um, ballte wütend die Faust und drohte, was er Tom alles tun wolle, „wenn er ihn wieder erwische“. Tom antwortete darauf nur mit Hohngelächter und machte sich, wonnetrunken ob der vollbrachten Heldentat, in entgegengesetzter Richtung auf. Sobald er aber den Rücken gewandt hatte, hob der besiegte Junge einen Stein, schleuderte ihn Tom nach und traf ihn gerade zwischen den Schultern, dann gab er schleunigst Fersengeld und lief davon wie ein Hase. Tom wandte sich und setzte hinter dem Verräter her, bis zu dessen Hause, wodurch er herausfand, wo dieser wohnte. Er pflanzte sich vor das Gitter hin und forderte den Feind auf, herauszukommen und den Streit aufzunehmen, der aber weigerte sich und schnitt ihm nur Grimassen durch das Fenster. Endlich kam die Mutter des Feindes zum Vorschein, schalt Tom einen bösen, ungezogenen, gemeinen Buben und hieß ihn sich fortmachen. Tom trollte sich also, brummte aber, er wollte es dem Affen schon noch zeigen.

Erst sehr spät kam er nach Hause, und als er vorsichtig zum Fenster hineinklettern wollte, stieß er auf einen Hinterhalt in Gestalt der Tante. Als diese dann den Zustand seiner Kleider gewahrte, gedieh ihr Entschluss, seinen freien Sonnabend in einen Sträflingstag bei harter Arbeit zu verwandeln, zu eiserner Festigkeit.

Aus: Mark Twain, Tom Sawyer, Projekt Gutenberg DE