Mit der Bestie auf DU
Hauptmenü
Lecker
Lecker!
Leckerer
Richtig lecker
Leckerstest
MHHM! Schweinekotelett! Am leckersten
Links

Selbst schuld

‚Der Knöppedreher heißt eigentlich Registrant. Der ist in etwa so hilfreich wie der, sagen wir mal, „Rezeptiant“, wenn du gemäß Anleitung beim Kochen unablässig mit der rechten Hand linksrum und mit der linken Hand rechtsrum rühren und obendrein zu genau bemessenen Augenblicken Zutaten in den Topf schmeißen sollst.’,

hat Andreas auf meine Frage geantwortet.

Die Welt ist voller Wunder und Jobs, dachte ich erfreut, und begann der Antwort eine Antwort zu schreiben. Die wurde länger und länger, weil viele Aspekte bedacht werden wollten. Also habe ich mich entschlossen, aus meinem Kommentar einen Artikel zu machen.

Registrant also. Das klingt gut. Zu gut als das es gut sein kann. Ich stelle mir den Komponisten vor, komponiert etwas kompliziertes, verwegenes, nie da gewesenes. Nicht um sein Genie her­aus­zu­strei­chen, nein, das kennt sowieso jeder. Nein, einzig um den Organisten als Deppen hinzustellen. Seht, heißt das im Klartext, mein kleines Orgelwerk bringt der nicht ohne Hilfe zustande. Vorbei die Zeiten eines Genies am Klavier (der kleinen Orgel), Mozart, der mit links in den tiefsten Tönen rührte und mit der rechten Hand das trillernde Tremolo hervorzauberte, die mittlere Tonlage aber mit seiner Nase bediente.

Ich habe gegoogelt: Mozart Klavier Nase. Auf mehr als die Anekdote bin ich nicht gestoßen. Keine Klaviersonate, keine Etüde, kein bisschen auf youtube, dass annähernd dem Nasenklavierspiel gleich kam.
Pfiffige Orgelspieler haben die Registranten benutzt. Auch bei Organisten gilt: Je mittelmäßiger, desto cleverer. Konzerte mittlerer Schwierigkeit gereichen so dem Spieler zu höchster Bravour, hat er einen Registranten dabei. Guck an, denkt das verzückte Publikum, heute genießen wir einen außerordentlichen musikalischen Höhepunkt. Der Organist hat Unterstützung vom Organistenverband angefordert. Ein Registrant spielt mit. Garantiert jeder Fehler des Organisten wird dem Registranten zu geordnet. Der Orgelspieler wird gefeiert, hoch gelobt und bekommt ein Bier spendiert, der Registrant Hartz4.

Die segensreiche Erfindung des Rezeptianten konnte ich während der Hochphase meiner Erkältung schätzen lernen. So guckte ich fiebrig delirierend am Freitag Abend den Bullen von Tölz. Eine Serie, die grundsätzlich abgeschaltet wird, wenn wieder einmal ein hoher Geistlicher im Bordell tot aufgefunden wird oder eine durchgeknallte Ordensschwester mordend durch die Lande zieht. Zeitgeistdämlich eben.

In dieser Folge geht es um Serienmord mit Rattengift. Die Haushälterin eines Pfarrers ist das erste Opfer. Der Bulle und seine Assistentin, „ich bin Agnostikerin“ quäkt sie und zündet vor der Mutter Gottes eine Kerze an – man weiß ja nie, besuchen den Pfarrer. Der Pfarrer hat nichts von der lüstern dummen Schleimigkeit des Tölzer Serienpfarres, betrauert schauspielerisch redlich seine ermordete Haushälterin. Er gibt bereitwillig Auskunft und lässt sich von den beiden Polizisten bei der Herstellung eines Apfelauflaufs helfen. Der Apfelkuchen in der Auflaufform, der hat’s. Sieht dilettantisch aber gut aus. Der Rest des Krimis ist gegessen.

Samstag, immer noch schwer erkältet und angeschlagen, schlug die große Stunde des Rezeptianten. „Schneide mal die Äpfel in so Stücke wie gestern im Film“, bekomme ich röchelnd zwischen mehreren Hustenanfällen heraus. Murli macht. „Nein, nicht schälen“, quetsche ich irgendwie heraus, „die Äpfel waren gestern im Film auch nicht geschält.“

Ich versuche mich zu erinnern, ob, und wenn ja, welcher Teig im Film verwendet wurde. Ich habe keine Ahnung. Murli auch nicht.

„Wir machen Knetteig“, sage ich, „Rührteig ist zu flüssig und Hefeteig dauert zu lange. 250 g Mehl, 1 Ei, 100 g Zucker, 150 g Butter, Prise Salz, halbe Tüte Backpulver, ein Fläschchen Zitrone und ein Fläschchen Rumaroma. Mach’ mal.“

Das sind die Zutaten meines Knetteiggrundrezeptes. Modifiziert bei halber Menge. Ich lege mich wieder hin, meine Erkältung auskurieren. Nach 15 Minuten stehe ich wieder auf und siehe da, Murli hat tatsächlich einen erstklassigen Knetteig hergestellt.

„Die Auflaufform mit Butter einreiben, Knetteig schön an der Wand verteilen und dann die Apfelstücke rein. Backofen auf 180° vorheizen. Ich muss meine Nase reinigen.“ Naseduschen ist in den letzten zwei Tagen eine absolute Notwendigkeit geworden. Ich schleiche zurück zur Küche, jeder Muskel schmerzt.

Murli hat den Kuchen herrlich hergerichtet und will in gerade in den Backofen schieben. Sieht sogar besser aus, als gestern im Film. „Moment“, sage ich, „da fehlt was.“ Ich nehme den Zimt mit der einen, Mandeln mit der anderen Hand. Beides verteile ich gekonnt über den Apfelkuchenauflauf. Dann schlurfe ich, den schweren Wärmbeutel mitschleppend in mein Zimmer.

Eine Stunde später erfüllt köstlicher Apfelkuchenduft die Luft. Der Backofen piepst und Murli holt den Kuchen heraus. Sieht fantastisch aus. Die Temperatur war eventuell etwas zu hoch, oder die Backzeit zu lang, notiere ich in Gedanken.

„Ja“, denke ich, als ich am Sonntag Andreas Kommentar gelesen habe, ohne meine Rezeptiantin hätte ich nicht so einen schönen Kuchen backen können. Wäre mein Kuchen nichts geworden, so wäre selbstverständlich auch die Rezeptiantin daran schuld gewesen.